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historie

Hier spielten Louis Armstrong, Ella Fitzgerald und Duke Ellington in der legendären "Badewanne", hier feierten David Bowie, Romy Haag und Lou Reed im nicht minder legendären "Dschungel", hier standen alte Ufa-Helden und spätere Fernsehstars wie Günter Pfitzmann und Edith Hancke auf der Bühne des "Berliner Theaters"– es ist ein Haus mit großer Tradition, das derzeit zum Ellington Hotel umgestaltet wird.
Berlins neues Designhotel hat eine renommierte Adresse bezogen, die zudem in jedem Berliner Architekturführer steht. Denn das "Haus Nürnberg", wie es ursprünglich hieß, ist geschmückt mit einer der längsten, auffälligsten und vielleicht auch einer der schönsten Fassaden Berlins: Über dem durchgehenden Ladengeschoss belichten lang gestreckte Fensterbänder die vier Obergeschosse. Die Wandflächen sind mit noblem Travertin verkleidet, gerahmt werden sie durch schmale Bänder aus dunklem Backstein unter- und oberhalb der stark profilierten Fenster. Gegliedert wird die 185 Meter lange, in mehreren Bauabschnitten entstandene und daher nicht ganz einheitliche Fassade durch Treppenhaustürme und Erker. Die Fensterbänder schmiegen sich um ihre abgerundeten Ecken, wodurch die elegante Fassade sehr dynamisch wirkt. Die beiden Treppenhaustürme stoßen über die Traufkante des Flachdachs. In den auf drei Seiten verglasten Turmräumen entstehen derzeit zwei Suiten, von denen man bald einen phantastischen Blick über die Dächer des Berliner Westens hat – und auf die ganz nahe Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Die Hauseingänge und die Schaufenster der Ladenfront sind in Messing gefasst – auch das trägt zum vornehmen Äußeren dieses Geschäftshauses bei, das 1928-31 unter dem Eindruck der bahnbrechenden Bauten des Berliner Architekten Erich Mendelsohn entstand.

Entworfen wurde das Haus Nürnberg, auch Tauentzien- oder Femina-Palast genannt, von einem damals sehr erfolgreichen Architekten-Team: Richard Bielenberg und Josef Moser. In ihrem Büro in der Charlottenburger Fasanenstraße hatten sie seit 1905 bereits zahlreiche Geschäfts- und Bürohäuser geplant: darunter den Hauptsitz der Disconto-Gesellschaft (dem Vorgänger der Deutschen Bank) Unter den Linden, in dem heute die Deutsche Guggenheim untergebracht ist; den Erweiterungsbau des Zollernhofs, heute ZDF-Hauptstadtstudio, und den Sitz des A. Schaaffhausen‘scher Bankverein in der Behrenstraße, heute Sitz der Bayerischen Landesvertretung in Berlin.

Aber nicht nur wegen der weitgehend original erhaltenen Fassade steht das Domizil des Ellington Hotels unter Denkmalschutz. Auch im Inneren hat sich in den Eingangsräumen, den Treppenhäusern und einigen Sälen der Charme der späten Zwanziger und frühen Dreißiger Jahre erhalten: in weißen und grünen Wandkacheln, Treppenhandläufen aus Messing, Stuckornamenten an den Decken, vergoldeten Schriftzügen an den Wänden. Der Bauherr, die Märkische Bau- und Grundstücksverwertung AG, scheute weder Mühen noch Kosten. Eine "riesenhafte Kapital-Attraktion"nannte die Zeitschrift "Deutsche Bauhütte" 1932 den Femina-Palast, den sie der deutschen Architektenschaft als die "neueste Vergnügungsstätte in Berlin" vorstellte. Dabei bezog sich dies nur auf einen Teil des Gebäudes, nämlich das Erdgeschoss des Bauteils zur Lietzenburger Straße hin mit dem rückwärtigen zweigeschossigen Ballhaus. In den vier Obergeschossen des Vorderhauses dürfte sich das Vergnügen in diesen wirtschaftlich so turbulenten Zeiten in Grenzen gehalten haben: Sie wurden als Büros vermietet.

Die innere Gliederung des Stahlskelettbaus war mittels Leichtsteinwänden flexibel der Nachfrage der Mieter anzupassen: Ein Büroraum von etwa 100 Quadratmetern im zweiten Stock kostete 1932 "inklusive Heizung" 270 Reichsmark im Monat; ein "kleines Einzelbüro mit Warteraum" war ab 56 Reichsmark Monatsmiete zu haben. 1938 bezog die Reichsmonopolverwaltung für Branntwein die Büros. (1919 hatte sich das Deutsche Reich per Gesetz verschiedene Monopole über die Kontrolle, die Reinigung und den Handel mit aus Getreide und Kartoffeln gebranntem Rohalkohol und den Vertrieb einfacher Trinkbranntweine gesichert. Die Nachfolgebehörde, die Bundesmonopolverwaltung für Branntwein in Offenbach/Main, betreut noch heute rund 24.000 Brennereien!)

Doch nun hinein ins Vergnügen: Am 1. Oktober 1929 wurde die "Femina" feierlich eröffnet: "Das Ballhaus Berlins" lautete die selbstbewusste Unterzeile auf den Plakaten, die mit 2.000 Sitzplätzen, "zwei Riesenbars und drei Kapellen", "täglich Tanz-Tee. Gedeck M 2,50" und "Tanz-Attraktionen" warben. Es war ein mutiges Unterfangen, auf das sich der umtriebige Hotelier und Gastronom Heinrich Liemann einließ, wetteiferten doch rings um die Gedächtniskirche eine ganze Reihe von Vergnügungsstätten um die Gunst der tanzfreudigen Berliner. Entsprechend musste man auf die Pauke hauen: "Durch ein Marmor-Vestibül und einen zweiten Vorraum betritt man eine Herrenbar, in der Stimmungssänger und -sängerinnen sich hören lassen. Von den Garderoben für mehr als 2.000 Personen fährt ein Fahrstuhl, der gleichzeitig 16 Personen befördert, die Gäste in die Tanzbar des ersten Stocks, wo zwanzig junge Damen bedienen und ein allererstes Tanzorchester spielt. Gegenüber dieser Bar ist der Haupt-Tanzsaal, der in zwei Rängen bis zum Dach ansteigt. Tischtelephone gibt’s und eine Rohrpost mit Zentrale, von der aus junge Mädchen in Uniform die Briefchen austragen. Die Tanzfläche kann ganz oder teilweise um einen halben Meter erhöht werden, um die Darbietungen allgemein sichtbar zu machen. Elegante Tanzpaare, Grotesk-Tänzer und vollständige Ballette werden nachmittags und abends sich dort zeigen. Erste Kapellen sind verpflichtet. Allermodernste Beleuchtung taucht den Saal in blendendes Licht. Getränke und Speisen werden zu Preisen, die jeder Börse Rechnung tragen, serviert!"

Ganz billig war das Abendvergnügen nicht. Im Parkett kostete die billigste Flasche Wein 5 Mark, Bier wurde nur auf dem Rang serviert, hinzu kam eine Mark Eintritt. Nachmittags dagegen konnte man sich ab halb fünf für 2,50 Mark (für ein "komplettes Gedeck") vergnügen. Ein überzeugendes Argument anscheinend – die Werbung sprach schon bald vom "größten Tanz-Tee Berlins". Damit auch Hotelgäste von außerhalb den Weg in die Femina fanden, hatte Hausherr Liemann zahlreiche Berliner Hotelportiers "bestochen"– indem er ihnen Radioapparate schenkte.

Die Presse bemängelte zwar, das Interieur erinnere sehr an das Palais am Zoo, aber mit der Rohrpost, über die nur ein weiteres Berliner Ballhaus verfügte, konnte man punkten – und mit dem hydraulisch zu öffnenden Dach. Noch zehn Jahre später machte es den Texter des Programmhefts vom Mai 1939 ganz poetisch: "Das gläserne Dach öffnet sich. Zum Tanztee leuchtet ein blauer Himmel über den Tischen. Nachts schimmern die Sterne, die über den Dächern Berlins stehen, herein. – Beim Tanz überströmt das Parkett die angenehme Frische des Abends. Die Annehmlichkeit, unter freiem Himmel zu sitzen, zu plaudern, zu tanzen, verbindet sich hier in schöner, so praktischer Weise mit dem festlich-luxuriösen Rahmen der Femina."

Die Presse attestierte den Musikkapellen "höchste Spitzenklasse"– immerhin spielte "Tangokönig"Juan Lllossas auf ("Wer seine Sorgen nicht vergessen kann, der hört sich Juan Llossas an"). In den Bars vermisste der "Berliner Herold"allerdings "das Wichtigste: die Barfrauen. Man sollte neue Bars erst aufmachen, wenn zu ihrer Bedienung auch die nötige Anzahl hübscher und interessanter Frauen zur Verfügung steht."

Ganz rund lief der Femina-Palast nicht. Die Betreiberfirma wechselte mehrmals, 1931 bereits wurde das Grand Café, das sich im Erdgeschoss genau unter dem Ballsaal befand, zu Willi Schaeffers "Cabaret für Alle"umgebaut, wenig später entstanden im Untergeschoss ein Grillrestaurant und ein Bierkeller. Doch das alles half nichts. "Als gestern Abend die ‚Tischdamen’ in Nerz und Dobermann vor den Portalen der Femina vorrauschten, fanden sie die Fenster des großen Tanzpalastes erloschen. Keine Jazzsynkopen klangen durch die Nacht, die Musiker standen melancholisch mit ihrem Geigenkasten im Torgang. Femina öffnete die Türen nicht mehr, die Gläubiger hatten am Mittag alle Stühle mit dem Gerichtsvollzieher abholen lassen." So schrieb es die Nationalzeitung am 13. April 1933.

Erst zweieinhalb Jahre später kam wieder Leben in die Bude: Aus der Texas-Bar war eine "gemütliche"Schoppenstube geworden, aus dem "Cabaret für Alle" das bayerisch-deftige "Siechenbräu". Hier sollten – um Konzessionen an den Zeitgeist waren die neuen Betreiber nicht verlegen – "abwechselnd Kapellen der Wehrmacht, der SA und SS, des NSKK und der Flieger Konzerte geben."Doch der Erfolg war gering, statt völkische Blasmusik zu hören wollten die Gäste der Femina Swing tanzen. Das Haus an der Nürnberger Straße entwickelte sich mit dem großen Ballsaal und seinen zahlreichen Nebenbars und -restaurants zum beliebtesten Swingpalast Berlins, hier traten Teddy Stauffer, Heinz Wehner und weitere berühmte "Kapellmeister" mit ihren Tanzorchestern auf. Der Ballsaal wurde während des Krieges geschlossen, doch in den übrigen Lokalitäten schwofte man weiter – bis zum bitteren Ende.

Während das Vorderhaus den Krieg recht heil überstand, wurde das rückwärtige Ballhaus im Krieg schwer beschädigt, nur die Außenmauern blieben stehen. Im Erdgeschoss eröffnete im Juni 1946 das Kabarett "Ulenspiegel", in dem Werner Finck seine Rückkehr nach Berlin und Gustaf Gründgens seine Rückkehr zum Kabarett feierten, als er die Revue "Alles Theater" des später als "Insulaner" legendär gewordenen Günter Neumann inszenierte. Im hochkarätigen Ensemble der zweiten Neumann-Produktion findet sich übrigens der Name einer jungen, bereits recht erfolgreichen Filmschauspielerin: Bruni Löbel, der im September 2006 verstorbenen langjährigen Großmutter im Forsthaus Falkenau. 1948 wurde der Saal zum Kino umgebaut, 1958 wurde er zur Spielstätte des privat finanzierten "Berliner Theaters", dessen Darstellerliste sich wie das Who is Who des deutschen Boulevardtheaters liest. Viele der alten Ufa-Stars, von Lil Dagover über Olga Tschechowa bis hin zu Grethe Weiser, aber auch Jüngere wie Günter Pfitzmann und Edith Hancke waren hier zu sehen, und der an den Kudamm-Theatern noch immer aktive Wolfgang Spier lernte auf dieser Bühne, wie man Komödien inszeniert. Für Furore sorgte 1959 der junge Klaus Kinski, als er an zehn Tagen hintereinander Villon, Rimbaud, Oscar Wilde und Gerhart Hauptmann rezitierte.

Aus der ehemaligen "Pusztastube"im Kellergeschoss wurde 1949 die "Badewanne". Von einer Gruppe von Malern als uriges Künstlerlokal initiiert, entwickelte sich der Kellerclub bald zu Berlins wichtigster Jazzstätte – die aber immer auch für anderen Rummel zu haben war: für Rock’n’Roll-Preistänze etwa oder Marlon-Brando-Lookalike-Wettbewerbe. Coca Cola war neben Bier das beliebteste Getränk, und unters Publikum mischten sich zahlreiche amerikanische GIs, um Größen wie Lionel Hampton, Count Basie oder Dizzie Gillespie live zu hören. In den 70ern schwenkte man auf Schlager und Disco um, 1978 eröffnete man als Diskothek "Sugar Shack" noch einmal neu. Doch die Luft war raus, auch der Nachfolger "Garage" dümpelte mehr schlecht als recht vor sich hin.

Eine Tür weiter ging es dagegen erst richtig los. Mit dem New Wave Ende der 70er Jahre wurde der stylischschicke "Dschungel" zur Szene-Diskothek schlechthin, zu einer Art Berliner Pendant zu New Yorks "Studio 54"(in der Nürnberger Straße 53!). In ihrer Berlin-Hymne sang Annette Humpe von Ideal 1980: "Mal sehen, was im Dschungel läuft./ Die Musik ist heiß, das Neonlicht strahlt, /irgendjemand hat mir‘n Gin bezahlt. /Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene, /ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin!" Die beiden Türsteherinnen galten als die unbarmherzigsten der Stadt – angeblich ließen sie mit den Worten "Wir wollen hier keine Rambos!" Sylvester Stallone draußen stehen. Wer einmal drinnen war, gehörte dazu und konnte mit etwas Glück Rio Reiser als DJ oder den zeitweiligen Berliner Nick Cave am Nachbartisch erleben. Frank Zappa, Mick Jagger oder David Bowie ließen nach ihren Konzerten wilde Feten steigen, Prince und Boy George verbrachten hier ihre Berliner Nächte. Mit dem Mauerfall und dem Techno geriet die In-Disko ins Abseits, 1993 musste sie schließen, und auch der Nachfolger, das Edel-"Restaurant Dschungel", reüssierte nie wirklich. Ende der 90er fiel der Laden in den Dornröschenschlaf, aus dem ihn nur selten Revival-Parties aufweckten.

Im alten Ballhaus war es mit dem Vergnügen schon 1973 vorbei gewesen. Der einstige Kabarett-, Kino- und Theatersaal wurde zur Personalkantine der Berliner Finanzverwaltung, die 1964 die Bürogeschosse bezogen hatte. Auch die Berliner Verwaltungsakademie unterrichtete im Haus Nürnberg. Der Saal, in dem die Finanzsenatoren ihre Pressekonferenzen gaben, ist übrigens erhalten. Er befindet sich im Obergeschoss eines zweiten rückwärtigen Bauteils. Berühmte Namen finden sich in der Senatorenliste nicht: Die größte Karriere gelang als späterem Bundeswirtschaftsminister Günter Rexroth, als letzter machte 1994 Elmar Pieroth das Licht aus.

Den Muff der jahrzehntelangen Behördennutzung und des jahrelangen Leerstands hat man dem Haus an der Nürnberger Straße inzwischen gründlich ausgetrieben. Den Charme aber hat man bewahrt. Tradition verpflichtet – und beflügelt. In den Mauern des alten Femina-Saal entand ein moderner Veranstaltungsraum und wo die Kabarett- und Schauspielstars der Nachkriegszeit auf der Bühne standen, frühstücken nun die Gäste des Ellington Hotels. Nur den Paternoster, mit dem die Herren Finanzsenatoren täglich ins Büro hinauffuhren, gibt’s leider nicht mehr – die Baubehörde fand ihn zu gefährlich für einen Hotelbetrieb.